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Leseprobe

ZUVIEL AN LYRISCHEM SPERMA

neue alte brinkmann-gedichte

ich habe immer gern gedichte geschrieben, wenn es auch lange gedauert hat, alle vorurteile, was ein gedicht darzustellen habe und wie es aussehen müsse, so ziemlich aus mir herauszuschreiben. eine menge fehlversuche sind vorausgegangen, die so überflüssig waren, wenn ich heute an die produkte der ausgebufften kerle denke, die sich lyriker nennen lassen.
rolf dieter brinkmann im vorwort zu piloten (1968)

es muss dieses photo gewesen sein, wo brinkmann neckisch neben einem schwarzen minirock hockt, vielleicht zusammen mit daniel dubbes überschrift sprache zum anfassen; erst daraufhin lernte ich die westwärts-gedichte kennen und unternahm eigene versuche, dieses muffelige an ihm, das man sofort mitkriegt, auch bei eher wohltemperierten texten und bildern – dieses stets miesepetrige in eigene texte zu fassen.

das ist mein unbehagen […] ein gelber, schmutziger himmel. ein gelbschmutziger himmel, ein gelbschmutziger himmel, ein gelbschmutziger himmel über mir – ein gelbschmutziger himmel, ein gelbschmutziger himmel über mir, ein gelbschmutziger himmel, ein gelbschmutziger himmel, der überhaupt nicht aufhört, ein gelbschmutziger himmel, der überhaupt nicht aufhört in diesem augenblick – ein gelbschmutziger himmel, ein gelber, schmutziger himmel, ein gelber, schmutziger himmel, ein gelber, schmutziger himmel, ein mieser, gelber, dreckiger, schmutziger kölner himmel, ein mieser himmel, ein verdammter scheissdreck von himmel, ein mieser gelber schmutziger kölner verfluchter elender kackhimmel, ein von lichtfetzen verkackter himmel, ein mieses stück von himmel, ein kackhimmel, ein riesiger scheissdreck von himmel jetzt in diesem augenblick, an dieser bahnstelle entlang der bahn, zwischen diesen toten bäumen, vor der stadt; ringsum häuser, kästen – ein elendes miststück von himmel, ein mistig gefärbter scheissdreck – ein scheissdreck, ein scheissdreck, überall ein scheissdreck, ein elender mistdreck-himmel …

er steigert sich – hier im dezember 1973 bewaffnet mit einem tonbandgerät des wdr – in eine wut, rastet einfach mal aus, spuckt windschutzscheiben an:

überall nur noch betäubung, atemlosigkeit. überall keine zeit. niemand hat mehr zeit. was für ein quatsch! überall ham die keine zeit mehr. diese arschlöcher! hier rennt schon wieder ’n arschloch von taxi vorbei. sind da nur alle blöde!? ihr alten arschlöcher überall! ihr mit eurer zeitverknappung … zeit ist die grösste kontrolle. zeit ist die grösste kontrolle, die sie überall anlegen.

»brinkmanns schreiben war stets auf der spur der gegenwart«, schreibt roberto di bella auf seiner website brinkmann-wildgefleckt.de, »dabei bleibt er auch nach seinem frühen tod 1975 für viele anstöszig, im doppelten wortsinn: provokativ und anregend.« trauriger: den meisten jungen schreibern ist brinkmann heutzutage überhaupt kein begriff mehr. das mag viele ursachen haben und nicht ausschliesslich in einem strafferen literaturstudium oder wuchern neuer medien begründet sein. jeder neuen generation erwachsen schliesslich auch neue helden.

ich habe einen freund gefragt, dem der name rolf dieter brinkmann nichts sagte und der jetzt in jenem alter ist, in dem brinkmann seine ersten gedichte schrieb. nach intensivem blick in die sammlung früher brinkmann-gedichte, hiess sein verdikt: »bisschen unausgegoren.«

fest steht, die frühe, teils noch in essen während einer buchhändlerlehre entstandene lyrik trägt bereits vieles von dem in sich, was man aus späteren texten kennt: das schlichte, aber auch die kraft, in repetitiven oder auf einen refrain angelegten gedichten, die sich hernach als wut und unzufriedenheit über die darstellung von erlebtem legt, hier aber mindestens partiell noch aus jugendlicher potenz und der frage nach dem wohin-mit-ihr resultiert.

das macht den band vorstellung meiner hände ein bisschen schwierig: einerseits gute gedichte, die man gleich jemandem vorlesen möchte, andererseits viel nachpubertäre welthaltigkeit.

mädchen, märchen und vögel ziehen als motive durch den ersten teil: don quichotte auf dem lande sieht eingedenk der märchenzeit die »leichte[n], schnelle[n] flügel der luft« »aufsteigen aus meinen schläfen«: »traumtopographie im wald der augen«. das klingt – besonders bei kalauern wie »die fische in den partituren / johann sebastian bachs« – bemüht und schwülstig und war eventuell 1960 schon nicht mehr geeignet, einer angeschwärmten roxane das herz zu wärmen, geschweige denn einen redakteur zu begeistern, obgleich beispielsweise das genannte gedicht sehr wohl im neuen rheinland gedruckt wurde. »fast kindlich tastende beschreibungspassagen wechseln mit stücken, in denen die ganze radikalität seiner […] poetischen möglichkeiten« aufleuchtet, merkt georg klein an.

wie unterschiedlich die einer innertextuellen formstrenge oft gleichgültig gegenüberstehenden poeme aus der inkubationszeit des dichters aufgenommen wurden, erhellt das nachwort von maleen brinkmann als auch der sehr sympathische, weil einmal nicht überhöhende essay pläne: schreiben von michael töteberg. postuliert brinkmann 1960 noch, in seinen gedichten »jenseits einer manieristischen artistik und automatischem schreiben wahrnehmungen sichtbar« machen zu wollen mithilfe einer »metapher für die stille (die ja durchaus nicht ›harmonisch« im überlieferten sinne zu sein braucht‹, muss er im folgenden und darauffolgenden jahr feststellen, dass er seinem anspruch nur durch zahlreiche umarbeitungen und liquidationen (also einfach: streichungen ganzer gedichte) näher kommt: »zuviel krolowsche schönheit und zuviel an lyrischem sperma.« – »der poetische aufputz wurde eliminiert«, schreibt töteberg. der märchenton wird ersetzt durch bilder von zerstörung, verwesung, tod und lehnt sich jetzt eher an villonsche vagantendichtung an. 1963 hat brinkmann dann bereits einen sehr sicheren, beinahe standardisierten stil, frühere motive fallen nun ganz drastisch aus: »es sind wieder vögel / in der luft, die stürzen als worte / in brücken / und uhren.«

das ist grossartig und veranlasst mich, den band, der 2005 auf einem dachboden wiedergefundenen und bis 2009 unbekannt gebliebenen manuskripten beruht, nochmals zu überblättern. erstaunt stelle ich fest, dass ich mir im register mehr gedichte markiert habe, als ich erinnere. lesern, die bereits wissen, dass sie brinkmann und seinen spezifischen gestus mögen, muss man dieses buch nicht extra empfehlen oder vermiesen. meinem freund, der den dichter noch überhaupt nicht kennt, werde ich zwar gedichte wie »gegen nachmittag regen« und »frühjahrsgärten mit didi« vorlesen, ihn ansonsten aber ins antiquariat schicken, sich standphotos anzusehen.